Diese Seite dient dem Andenken zweier Opfer des Nationalsozialismus aus Norddeich (Dithmarschen), deren Geschichte fast in Vergessenheit geriet:

dem des Landarbeiters August Dunklau (1895-1944), der den Kriegsdienst verweigerte und dessen Name bis heute auf dem Ehrenmal der Gemeinde Norddeich für die Gefallenen (sic!) verzeichnet ist, und seines Bruders Heinrich Dunklau (1900-1941), der ins KZ Sachsenhausen kam (als "Asozialer") und später in Pirna-Sonnenstein vergast wurde.

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Montag, 4. November 2013

Offizielle Übergabe der Gedenkplatte

Am gestrigen Sonntag, 3. November 2013, fand um 11 Uhr, in Anwesenheit mehrere Mitglieder der Gemeindevertretung Norddeich, der Presse (Dithmarscher Landeszeitung) und von Angehörigen der Familie Dunklau die Übergabe der Gedenktafel im Rahmen einer kurzen Zeremonie am Ehrenmal statt.
Bürgermeister Ulf Jacobsen fasste den Entscheidungsprozess und die Hintergründe der Neugestaltung zusammen, während ich anschließend über einige historische und zeitgeschichtliche Aspekte sprach und die Bedeutung einer ausgewogenen und kritischen Gedenkkultur betonte, die neben dem Gedenken an die Kriegsopfer, nicht die verschiedenen Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung vergisst und die Erinnerung an die Hintergründe von Weltkrieg und Völkermord den Nachgeborenen vermittelt.
Zu danken ist der Gemeindevertretung Norddeich, dass sie dieses Anliegen erkannt und angemessen und würdevoll in Zusammenarbeit mit uns umgesetzt haben. Zu danken ist ferner Frau Lieselotte Stützer (Jahrgang 1920) aus Heide, für ihren Spendenbeitrag zur Aufstellung der Tafel und ihre moralischen Unterstützung.
Heinrich und August Dunklau (Collage)

Todesanzeige von August Dunklau im "Heider Anzeiger"
vom 4. April 1944. Da es sich nicht um einen Kriegsgefal-
lenen handelte (August Dunklau war hingegen "Wehrmachts-
gefangener" in U-haft wegen "Wehrdienstentziehung"), enthielt
sie kein militärisches Symbol ("Schwarzes Kreuz"). Die
Hintergründe des Todes hatten die Angehörigen zu ver-
schweigen. Eine Todesanzeige für den in Pirna-Sonnenstein
ermordeten Bruder Heinrich Dunklau gab es nicht.



Freitag, 12. Juli 2013

Gedenkplatte fertiggestellt

Die Gedenkplatte in Erinnerung an die Norddeicher Opfer des Nationalsozialismus wurde produziert und wird in Kürze den Norddeicher Verantwortlichen übergeben. Die Firma Laser-picture GbR (Dicke & Dentler), Wusterhausen, lieferte dabei eine ausgezeichnete und preiswerte Arbeit ab.
Man wird dort Angebote für einen Sockelstein einholen und einen entsprechenden Auftrag erteilen. Ein Termin für eine kurze Gedenkveranstaltung anläßlich der Setzung des Steines am Norddeicher Ehrenmal steht noch nicht fest.


Dienstag, 30. April 2013

Neugestaltung des Ehrenmals abgesegnet

Im Zusammenhang mit ihrer letzten Sitzung (am 8. April 2013) hat die Gemeindevertretung von Norddeich den von mir eingebrachten Vorschlag zur Neugestaltung des Ehrenmals zugestimmt. Die Inschrift der Platte, sowie der Standort und die Gestaltung sind auf den beiden unteren Entwürfen darstellt. Ein Einweihungstermin steht noch nicht fest.


Zukünftiger Standort des Gedenksteines neben der rechten Stele (zum Vergrößern klicken).

Donnerstag, 28. Februar 2013

Die "Sonderbehandlung 14f13" im Zeugnis von KZ-Überlebenden

Über die Vorbereitungen und den Ablauf der sogenannten „S“-Transporte (S = Sonderbehandlung), gibt es von Überlebenden des KZ Sachsenhausen, detaillierte Aussagen:
Harry Naujoks (1901-1983), war von 1936 bis 1942 im Lager inhalftiert und von 1939 bis zu seiner Verlegung ins KZ Flossenbürg „Lagerältester“. In seinen Erinnerungen an diese Zeit (Harry Naujoks: „Mein Leben im KZ Sachsenhausen. 1936 - 1942. Erinnerungen des ehemaligen Lagerältesten“, Berlin: Dietz Verlag 1989), widmet er den Transporten ein eigenes Kapitel (S. 247-250).   
Naujoks beschreibt darin, wie im April 1941 eine Ärztekommission das Lager besucht habe und im Krankenbau des Lagers 300 bis 350 Häftlinge untersucht habe. Es wurde den Untersuchten, darunter auch Gesunden, die eine Krankheit simuliert hatten, erzählt, sie würden zu leichteren Arbeiten in die „Kräutergarten“ nach Dachau verlegt. Nach dem Ende der Untersuchung blieb eine Liste mit knapp 300 Personen übrig.
Naujoks schreibt in der Rückschau, wie sich das Schicksal der darauf befindlichen Personen abzuzeichnen begann:

Ende Mai erschienen Oberscharführer [Willi] Eilers und ein anderer SS-Mann aus der politischen Abteilung in der Häftlingsschreibstube. Sie jagten die am Karteitisch beschäftigten Häftlinge hinaus und fingen an, anhand einer mitgebrachten Namensliste Karteikarten auszusortieren. Als sie damit den Raum verlassen wollten, stellte sich ihnen Lagerschreiber Rudi Grosse in den Weg und verlangte eine Quittung über die entnommenen Karteikarten, da er für den Bestand der Kartei verantwortlich sei. Er erntete aber nur Gelächter der SS-Leute, und sein Anruf beim Rapportführer [Hermann] Campe unbrachte ihm einen schweren Anpfiff ein.“ (S. 248), 

Auch den Ablauf des Abtransport beschreibt Naujoks:

Am 3. Juni 1941 [tatsächlich: 4. Juni 1941 (Anm. d. Verf.)] wurden für den Morgen des nächsten Tages 95 Häftlinge in den Krankenbau beordert. [...] Am nächsten Morgen fährt ein Lastwagen, mit einer Persenning überzogen, vor und bleibt in der Toreinfahrt stehen. Die 95 Häftlinge kommen aus dem Krankenbau und werden auf dem Wagen verstaut. Die Persenning wird festgezurrt. Der SS-Fahrer Fliegerbauer und der SS-Blockführer Meier, mit einer Maschinenpistole bewaffnet, besteigen die Fahrerkabine, und der Wagen fährt ohne Umstände los. Am 5. Juni geht dasselbe noch einmal so vor sich, diesmal sind es 89 Häftlinge.“ (S. 248)

Unter den Häftlingen ist auch Siegbert Martin Fränkel, jüdischer Buchhändler aus Berlin (1883-1941). Naujoks ordnet ihn in seiner Erinnerung fälschlicherweise dem letzten Transport vom 7. Juni 1941 zu, obwohl er laut Liste auch am 5. Juni abtransportiert wurde. Er berichtet von seiner letzten Unterhaltung mit ihm im Krankenbau kurz vor der Abfahrt, wo man den Häftlingen eine Spitze verabreicht und Fränkel sein Schicksal bereits vorausahnte:

‚Na, was sagst du jetzt?‘ meint er. Ich will ihn trösten und antworte: ‚In dem neuen Lager kann es vielleicht besser sein als hier.‘ Er erwidert: ‚Ich werde bald mehr wissen als du, wenn ich hinter den schwarzen Vorhang getreten bin.‘ Ich wende ein: ‚Du mußt nicht gleich so schwarz sehen!‘ Er deutet mit dem Kopf zu Tisch des Arztes [Dr. Joseph Hattler (1912-1944 (gef.))]. Als ich nicht begreife, was er mir klarmachen will, sagt er: ‚Achte doch mal drauf. Die Einstichstelle wird nicht mit Alkohol abgerieben. Die Flüssigkeitsmenge wird unkontrolliert gegeben. Mit derselben Kanüle spritzt er alle Mann. Ohne sie zu erneuern. Es ist ganz klar, man behandelt uns wie Todeskandidaten.‘“ (S. 249)

Die Rückkehr des Lastwagens offenbart auch den im Lager Verbliebenen schließlich das Ergebnis des Transports:

Der Lastwagen, der die Transporte befördert hat, bringt die Hinterlassenschaft der Häftlinge noch am 7. Juni zurück [...]: Prothesen, Bruchbänder, Stöcke, Zahnprothesen, Brillen, Hörgeräte. Wer das gesehen hatte, wußte Bescheid.“ (S. 250)

Emil Büge (1890-1950 (Suizid)), dem es während seiner von 1939 bis 1943 dauernden Haft im KZ Sachsenhausen gelang, auf 1470 Notizzetteln heimlich zeitnah seine Beobachtungen der NS-Verbrechen zu notieren und auch Unterlagen der Lagerverwaltung zu kopieren, beschreibt in seinem im Sommer 1945 zusammengestellten und der Amerikanischen Verwaltung übergebenen Bericht die Durchführung des „Kommando S“ folgendermaßen:

Im Lager wird mit der Zusammenstellung eines Kommando ‚S‘ begonnen. Zunächst weiß niemand, was ‚S‘ zu bedeuten hat, doch da auch niemand der SS eine humanitäre Geste zutraut, sind sich die meisten Häftlinge bald darüber einig, dass es sich nur um eine neu ersonnene Gemeinheit handeln kann, und diese Annahme wird dann auch durch die Ereignisse bestätigt. Für das Kommando ‚S‘ werden solche Häftling ausgesucht, die kaum noch zur Arbeit gehen, ja, arbeitsunfähig sind, also ‚Muselmänner‘ - Körperschwache, aber auch ‚asoziale Elemente‘ wie Handwerksburschen, Trinker, Zuhälter etc. sowie Amputierte usw., eben Leute, denen man jedes Recht zum Weiterleben abspricht. Der größte Teil sind Kranke aus dem Revier, und den Rest holt man sich aus den Blocks. Anfang Juni 1941 geht der erste Transport ab nach Sonnenstein im Regierungsbezirk Erfurt. Ein SS-Beamter, der als Begleiter mitfährt, sagt nachher zu einem anderen, dass er bis Pirna/Sachsen gefahren sei. Im Juni 1941 gehen mit Kommando ‚S‘ 269 und 34, zusammen also 303 Häftlinge ab, von denen nach einigen Tagen die ‚Requisiten‘, welche sie im Jenseits nicht mehr gebrauchen können, wie künstliche Glieder, Gebisse, Glasaugen, Brustbeutel, Geldbeutel etc. wieder bei der Lager-Effektenkammer eintreffen. Ja - und welche Todesart hat man ihnen zugedacht? Den Gastod oder die Spritze, genau kann ich dies nicht angeben, neige aber erstgenannten Annahme zu, weil sich das Gerücht verbreitet, dass jetzt in Deutschland überall solche Gaskammern an bestimmten Plätzen eingerichtet würden, um durch sie das ganze Reich von jedem ‚Ausschuss" frei zu machen. Auch das KZ Sachsenhausen-Oranienburg soll schon bald damit versehen werden.“ 
(Emil Büge: „1470 KZ-Geheimnisse. Heimliche Aufzeichnungen aus der Politischen Abteilung des KZ Sachsenhausen Dezember 1939 bis April 1943.“, Berlin: Metropol 2010, S. 212.)

Der Büge-Bericht schildert dieselbe Unklarheit über die Todesart der Ermordeten, wie Naujoks Erinnerungen. Daß die den Häftlingen vor der Abfahrt unkontrolliert gespritzte Flüssigkeit zumindest den Zweck hatte, die Gefangenen für den mehrere Stunden dauernden und nur mit 2 Personen (Fahrer und Bewacher) besetzten Transport gänzlich fluchtunfähig zu machen, liegt nahe. Offenbar handelte es sich bei der unbekannten Substanz um ein stark lähmendes Mittel, das in der verabreichten Menge aber auch tödliche Wirkung hatte. 
So jedenfalls klingt es im dritten Bericht, des überlebenden Rudolf Wunderlich (1912-1988), der noch während des Krieges kurz nach seiner Flucht aus dem Lager im Untergrund entstand (vgl. Rudolf Wunderlich; Joachim S. Hohmann: „Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg 1939 bis 1944. Die Aufzeichnungen des KZ-Häftlings Rudolf Wunderlich.“, Frankfurt am Main: Lang Verlag 1997).

Daß viele der geschwächten Gefangenen schon während des Transport gestorben waren, dürfte wahrscheinlich sein. Der Rest dürfte in die Gaskammer gekommen sein. Die nationalsozialistische Bürokratie bemühte sich durch exakte Planung auch der Verschleierungsmaßnahmen ihre Morde geheimzuhalten. Ob es möglich ist, daß ein Teil der Leichen nicht im Sonnensteiner Krematorium, sondern in den Einrichtungen des Friedhofs Güterfelde verbrannt wurde, so wie es Bestattungsunterlagen für einige der im Juni 1941 getöteten aus dem Mai 1942 nahelegen, oder ob auch dies nur eine bürokratische Verschleierung war und ihre Asche im Massengrab am Sonnenstein ruht, ist noch nicht geklärt.

Dienstag, 29. Januar 2013

Letzte Ruhestätte: Güterfelde

Mitte Dezember erhielt ich auf eine Nachfrage beim Archiv der "Gedenkstätte KZ Sachsenhausen" eine Nachricht über eine weitere Unterlage, die sich bei ITS Bad Arolsen befunden habe. Es handelt sich um eine Liste der "während des Krieges 1939 -1945 gefallenen oder verstorbenen Soldaten oder Zivilpersonen" vom 31. Januar 1951 des Waldfriedhofs Güterfelde in Brandenburg (bei Potsdam).
Urnenförmiges Mahnmal für die ermordeten
KZ-Häftlinge auf dem Friedhof Güterfelde
(Abb.:Institut für Denkmalpflege der DDR
(Hrsg.): Gedenkstätten. Arbeiterbewegung.
Antifaschistischer Widerstand. Aufbau des
Sozialismus. Leipzig, Jena, Berlin 1974). 

Auf dieser Liste ist auch der Gustav Heinrich Dunklau verzeichnet, zusammen mit 720 deutschen und 383 polnischen Gefangenen der KZs Sachsenhausen und Wewelsburg. Es handele sich bei diesen um Personen, die im Krematorium des Friedhofs verbrannt, und in einem Massenurnenfeld auf dem Friedhof anonym bestattet worden seien.
Heinrich Dunklau wurde am 5. Juni 1941 auf einen Transport von 89 Personen in die Tötungsanstalt Sonnenstein bei Prina in Sachsen zur "Vergasung" geschickt. Bereits am Vortag, dem 4. Juni waren dort 95 Häftlinge angekommen. Am 7. Juni waren es noch einmal 85.
Es scheint, daß man nach dem ersten Transport mit der Beseitigung der Leichname der Mordopfer durch Verbrennen im dort vorhandenen Krematorium noch nicht fertig war. Denkbar ist, daß der Lastwagen bei der Rückfahrt nach Sachsenhausen - vermutlich geplantermaßen - nach Güterfelde kam, um die dortigen "Kapazitäten" der Verbrennungsöfen auszuschöpfen.
Für diese Annahme spricht, daß auch die sterblichen Überreste des homosexuellen Magdeburger Architekten Benno Meyer, der mit demselben Transport wie Heinrich Dunklau nach Sonnenstein kam, schließlich im Mai 1942 im Urnenfeld des Güterfelder Friedhofs bestattet - richtiggehend: verscharrt - wurden.


Freitag, 2. November 2012

Artikel: "Stolpersteine unerwünscht"


Um zum Artikel in der Dithmarscher Landeszeitung vom 01.11.2012 weitergeleitet zu werden auf das Bild klicken:

Angemessene Lösung erzielt:

Bei einem vereinbarten Treffen des "Stolpersteinarbeitskreises" in Norddeich am 1. November wurde eine endgültige Einigung über die Form erzielt, in der am Norddeicher Ehrenmal den Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden soll:

Auf einer schwarze Granittafel (Mindestmaße 30 x 40 cm) werden die Namen und Schicksale der beiden Dunklau-Brüder verzeichnet sein, wo diese unter einem entsprechenden Widmungsspruch stellvertretend für alle Opfer der nationalsozialistischen Diktatur stehen werden.
Aufgestellt wird die Tafel auf einem angeschrägten Sockel im vorderen Bereich der rechten Beetfläche des Ehrenmals, wobei für die Bestimmung des genauen Standorts noch die Wirkung der in Kürze folgenden Neubepflanzung des Ehrenmals abgewartet wird. 
Die Kosten für Tafel, bzw. Aufstellung werden von der Gemeinde Norddeich und der Familie Dunklau übernommen.

Diese Vorlage, sowie der konkrete Wortlaut der Tafel, wird von der Norddeicher Gemeindevertretung auf der nächsten Sitzung im Frühjahr beschlossen werden.

Mit dieser Tafel setzt Norddeich ein Zeichen, das als Symbol einer veränderten Gedenkkultur auf andere Gemeinden ausstrahlen kann. Für das dörfliche Umfeld ist diese Lösung eine angemessene Alternative zu "Stolpersteinen" im Bürgersteig, und erzielt eine entsprechende Wirkung.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Gemeindevertretersitzung Norddeich, 29.10.2012

Auf der am gestrigen Montag stattfindenden Sitzung der Gemeindevertretung Norddeichs wurde zu Top 9 erneut über das Thema "Stolpersteine in Norddeich" beraten. 
Es wurde zunächst über mein Treffen mit Bürgermeister Jacobsen und stellvtr. Bürgermeister Block am 14. August, die damaligen Beratungen im kleinen Kreis und den von mir mit Schreiben vom 15. August eingebrachten Kompromissvorschlag (Mühlenstraße 18) informiert.

Um meinen Standpunkt und Vorschlag persönlich vortragen zu können, bzw. auf sich ergebende Bedenken, Fragen und Vorschläge der übrigen Gemeindevertreter eingehen zu können, bin ich zu dieser Sitzung aus Halle/Saale angereist. 
Positiv zu nennen ist, daß es zu einer Aussprache über teils unterschiedliche Wahrnehmungen und aufgetretene Mißverständnisse kam. Diese ließen sich im Gespräch jedoch ausräumen, bzw. waren um der Sache Willen schnell vom Tisch.

Die Gemeindevertreter diskutierten und äußerten teils eigene Ideen und Vorschläge, die wechselseitig befürwortet, bzw. wieder verworfen wurden, darunter etwa die Anbringung einer Gedenkplatte am Haus "Mühlenstraße 18" oder die Verlegung von Stolpersteinen in Privatgärten von entfernteren Dunklau-Verwandten, die aber nicht nur die Zustimmung der Besitzer erforden, sondern auch dem Zweck öffentlicher Anteilnahme verfehlen würden.

Als vorläufige neue Beratungsgrundlage wurde nun dazu zurückgekehrt "im Bereich des Ehrenmals" eine "Platte" zu installieren mit den Namen der "Dunklau-Brüder" und einer Inschrift im Sinne des Gedenkens an die "Opfer der Diktatur". Wie mit meinem ursprünglicher Vorschlag von den "Stolpersteinen am Ehrenmal" vorgesehen, würden damit - so eine Aussage aus der Gemeindevertretung - "mehr als 3 Leute daran vorbeigehen", als es beim Bürgersteig in der Mühlenstraße der Fall wäre. Eine Erwähnung in der Rede des Bürgermeisters zum jährlichen Gedenken am Volkstrauertag, wäre ebenfalls geboten.

Zu einer weiteren Beratung über diesen Vorschlag wird der "Stolpersteinarbeitskreis" (Ulf Jacobsen, Reimer Block, Karl-Heinz und Florian Dunklau) sich am 01.11.2012 erneut treffen.
Aus meiner Sicht und der meiner Familie wäre dieser Vorschlag eine angemessene Alternative zur Verlegung von "Stolpersteinen", wenn die Details stimmen (u.a.: sicht- und erkennbare Gedenkplatte innerhalb (!) der Umfriedung (Metallzaun) des Ehrenmals, Finanzierungsfragen).

Über den weiteren Fortgang wird weiterhin hier berichtet werden.

Montag, 3. September 2012

Alternativer Standort für Norddeicher "Stolpersteine": Mühlenstraße 18.

Die im DLZ-Artikel "Das falsche Erinnern" vom 27. Juli 2011 angedachte Verlegung von zwei "Stolpersteinen" für den auf dem Ehrenmal in Norddeich verzeichneten "gefallenen" Kriegsdienstverweigerer August G. Dunklau und seinen im KZ Sachsenhausen inhaftierten und später ermordeten Bruder G. Heinrich Dunklau am Norddeicher Ehrenmal hat für Gesprächsstoff gesorgt.
Bei einem persönlichen Treffen von mir und meinem Vater zur Erörterung des Themas mit Bürgermeister Jacobsen und stellvtr. Bürgermeister Block am 14. August 2012, kam v. a. die Frage auf, ob die räumliche Zusammenlegung der Erinnerung an Kriegs-Gefallene mit dem Gedenken an NS-Verfolgte angebracht ist. Es bietet sich jedoch auch die Möglichkeit in Norddeich "Stolpersteine" in der sonst üblichen Verfahrensweise in den Gehweg vor das letzte Wohnhaus oder die letzte Wirkungsstätte der Opfer einzulassen:

Mühlenstraße 18 in Norddeich (1991)
Im Jahre 1931 erwarb der Landarbeiter Johann Carsten Friedrich Dunklau (1887-1943) das Haus in der Mühlenstraße 18 in Norddeich. Der Junggeselle, der 1943 im Krankenhaus Wesselburen wohl an durch einen Arbeitsunfall verursachter Wundfäule verstarb, war das älteste der acht Geschwister der Familie des 1903 verstorbenen Arbeiters Friedrich Dunklau, und Bruder von August und Heinrich.

Während der 1930er und 1940er Jahre lebten in Norddeich noch der ebenfalls unverheiratete und kinderlose Bruder August Dunklau, die Schwester Emma, mit Tochter Else (*1918) und den zwei kleinen Kindern (*1923 Johannes und *1924 Emmi) ihrer verstorbenen Schwester, sowie die verwitwete Großmutter. Gelegentlich war auch der oft als Wanderarbeiter umherziehende Bruder Heinrich vor Ort.
Johann Dunklau (1887-1943)

In die Kriegsjahre fällt nicht nur der Tod der Witwe Dunklau (1942), sondern es sterben auch die vier Brüder (1941 (2), 1943, 1944) und die Schwester Emma (1943). Während der letzten Kriegsjahre leben nur noch Else, mit ihren zwei eigenen Kindern nach der Bombardierung Hamburgs 1943 von dort geflohen, und Emmi in Norddeich. Johannes Dunklau ist im Kriegseinsatz. Die Erbengemeinschaft vertritt die in Wesselburen lebende Tante Christina Peters (geb. Dunklau), die später das Haus am Norderkirchweg besitzt und es noch jahrzehntelang vermieten wird.

Nach Ende des Krieges bringt Johannes Dunklau das Haus in der Mühlenstraße in seinen Besitz, indem er die Miterben auszahlt. Er wird später seinen Hauptwohnsitz in Quickborn bei Hamburg nehmen und nur noch gelegentlich Norddeich aufsuchen. Im Oktober 2003 verkauft er das Haus schließlich mit reichlich 8000 qm dazugehöriger Weide an einen Zuzügler. Im Nachlaß von Johannes Dunklau befanden sich die einzigen noch bekannten Fotografien von Johann und Heinrich Dunklau.

Johannes Dunklau (1923-2008)
Im Gegensatz zum Norderkirchweg ist die Mühlenstraße eine der Hauptstraßen Norddeichs, geteert und mit einem Bürgersteig versehen. Während das dortige Haus im Besitz von Johann Dunklau war dürfte es ein häufiger Anlaufpunkt, und auch zeitweise Unterkunft für die Junggesellen August und Heinrich gewesen sein.

Soweit eine Verlegung von "Stolpersteinen" am Norddeicher Ehrenmal nicht vorstellbar erscheint, sind bei Mühlenstraße 18 die wesentlichen Voraussetzungen (Bezug zu den Opfern, Bürgersteig) erfüllt.

Die rechtlichen Voraussetzungen für ein angemessenes Gedenken an die Brüder Dunklau zu schaffen (Beschluß der Gemeindevertretung zur Genehmigung der Verlegung von "Stolpersteinen" im öffentlichen Raum), liegt jetzt in der Hand der Gemeinde Norddeich.

Sonntag, 2. September 2012

Sitzung der Gemeindevertretung Norddeich zu "Stolpersteinen"

Vorankündigung in der Dithmarscher Landeszeitung vom 25. Juni 2012:


Link zum Protokoll der Sitzung auf der Website der Amtsverwaltung Büsum-Wesselburen:


Hinweis:
August Gustav Dunklau ist definitiv NICHT verurteilt, bzw. sogar hingerichtet worden, sondern war "lediglich" als Untersuchungshäftling wegen "Wehrdienstentziehung" inhaftiert, da er einer Aufforderung zur Einziehung zur Wehrmacht nicht nachgekommen war. Sein Tod im Gefängnis, nach etwas mehr als zwei Wochen Untersuchungshaft, als Folge einer schweren Magenkrebserkrankung, war allerdings wohl das einzige, was letztlich eine Anklageerhebung und Verurteilung (außer zu einer Todesstrafe, ggf. auch zu einer höheren Gefängnisstrafe, ggf. Konzentrationslager ("Sonderaktion Wehrmacht")), verhinderte.

Sonntag, 29. Juli 2012

"... werden alles in den Schmutz ziehen"

Adolf Bartels (1862-1945) über "Polen", "Vagabunden" und die Wesselburener Familie Dunklau.


Adolf Bartels, geboren in Wesselburen, gestorben in Weimar, kann als der "Literarische Großvater der Nazis"[1] bezeichnet werden: Im Jahre 1913 organisierte er den "Deutschen Tag" in Eisenach, eine Versammlung völkischer Vereinigungen und Verbände. In einer Rede aus dem gleichen Jahr erklärte er: „Wer in unserer Zeit nicht Antisemit ist, der ist auch kein guter Deutscher.“[2] Es war jenes Milieu des politischen Antisemitismus und Rassismus, aus dem nach dem Ersten Weltkrieg auch die "Deutsche Arbeiterpartei", die spätere NSDAP, hervorging.[3]
Bartels veröffentlichte bereits 1924 eine Broschüre mit dem Titel "Der Nationalsozialismus Deutschlands Rettung" und wurde 1925 Ehrenmitglied der NSDAP-Ortsgruppe Weimar.[4] Seine antisemitische Agitation galt der Beseitigung des "jüdischen Einflußes" auf das kulturelle Leben, wie schon in "Judentum und deutsche Literatur" von 1912 deutlich wird.
Im März 1914 erschienenen Bartels' Kindheitserinnerungen "Kinderland - Erinnerungen aus Hebbels Heimat". Neben den auch hier immer wiederkehrenden judenfeindlichen Stereotypen - zumindest physisch waren im Wesselburen Bartels' jedoch kaum Juden anwesend - greift er auch andere Gruppen von Menschen an, die in seinem ausgeprägt rassistisches Weltbild keinen Platz haben sollen.
Er liefert dabei Ansätze einer politischer Programmatik zur "Lösung" der angeblich durch diese "Minderwertigen" verursachten gesellschaftlichen Probleme, die Jahrzehnte später von den Nationalsozialisten mit grausamer Konsequenz umgesetzt wurden.

Eine dieser Gruppen, die erst in Bartels' Kindheit in Wesselburen in Erscheinung traten, waren die Arbeiter, die durch die von Charles de Voss 1869 erbaute Zuckerfabrik angezogen wurden, wodurch Wesselburen in den 1870er Jahren einen starken Zustrom von Menschen aus den preußischen Ostprovinzen erhielt. Bartels schreibt es waren ""Ostpreußen", wie man damals sagte, richtiger Polen".[5]
Bartels, der zu Beginn des Buches seinen Stammbaum nennt und "mit Stolz" angibt "rein deutschen, vielleicht sogar rein germanischen Ursprungs" zu sein,[6] verwendet die Bezeichnung "Pole" in abwertender Weise für diese Menschen. Nachforschungen aus anderen, neutralen Quellen, belegen, daß es sich zu Bartels' Zeit (bis 1877) in der überwiegenden Mehrzahl um (Volks)Deutsche handelte, mit deutschen Namen und protestantischer Konfession, die sogar eine Form des Plattdeutschen sprachen.[7]
Vermutlich war das äußere, "rassische" Erscheinungsbild dieser Menschen für Bartels der Grund, sie abzuwerten. Er stellt sie nämlich in Kontrast zu den auf der Zuckerfabrik ebenfalls tätigen Schweden, die er als "rassisch gutes Material" bezeichnet.[8] Er nennt die anderen sogar eine "Gefahr für unser Volkstum"[9] und vergleicht einen zwischen Schweden und "Polen" eskalierten Streit mit dem "Kampf der Hunnen und [germanischen] Burgunden im Niebelungenliede."[10]

Eine andere Gruppe waren die "Monarchen". Es handelte sich um saisonale oder dauerhafte Wanderarbeiter, die in der Zeit von Juli bis Oktober beim Einbringen der Ernte im Akkord gebraucht wurden. Bartels beschreibt die durch die Einführung der Dreschmaschinen entstandene Arbeiterschicht mit äußerster Geringschätzung, wollte man nicht richtigerweise sogar sagen Haß:
"Wir haben in neuerer Zeit eine ziemlich ausgebreitete Literatur über das moderne Vagabundentum erhalten: Wolfgang Kirchbach hat es in einem Roman "Auf der Walze" geschildert, und ein jüngerer Schriftsteller, Hans Ostwald, hat es, wohl von dem Russen Gorjki angeregt, zum Gegenstand einer ganzen Reihe von Werken gemacht, wie mich dünkt, nicht ohne einen sentimentalen, falsch humanitären Zug in seiner Darstellung aufzuweisen. Ganz gewiss sind all die verkommenen Existenzen, die unsere Landstraßen unsicher machen nicht "moralisch" zu beurteilen, es sind vielfach Kranke, die ein wirkliches Leiden dem Schnapse zutreibt, aber vom völkischen Standpunkte aus sind sie doch quantité négligeable, und je eher sie aussterben, desto besser ist es, selbst auf die Gefahr hin, daß die Dreschmaschinen längere Zeit ihrer Bedienungsmannschaft entbehren sollten."[11]
Diese Passage enthält viel von dem, was das politische Regime 1933 bis 1945 umsetzen würde: Der "falsch humanitäre Zug", der "Falschhumanismus" ist eine sprachliche Wendung, die noch heute gelegentlich zur Rechtfertigung radikaler Maßnahmen verwendet wird.[12] Demnach wäre es "falschhuman", nicht nur in Bezug auf die Gesellschaft, sondern auch in Bezug auf den sie belastenden "Kranken", diesen nicht von seinem "Leiden" durch einen (zwangsweisen) "schönen Tod" (gr. "euthanasia") zu erlösen.
Bartels, wenn er auch nicht von Mord, wohl aber von ihrem Tod spricht, wünscht ihnen, den "verkommenen Existenzen", diesen herbei: "Je eher sie aussterben, desto besser". Von einem "völkischen [= rass(ist)ischen] Standpunkt" aus, seien sie eine "unerhebliche Größe" (quantité négligeable), was nicht ihre Anzahl, sondern ihren Nutzen für die Volksgemeinschaft meint.
Bartels würde es sogar hinnehmen, daß ihr "Aussterben" ein Stillstehen der Dreschmaschinen zur Folge hätte. Auch wenn er die Dreschmaschinen selbst, wegen ihrer seiner Meinung nach negativen Auswirkungen auf den altdithmarscher Landarbeiterstand kritisch sieht, so wünscht er sich doch weniger deren Beseitigung, als die der "Bedienungsmannschaften".

Außer den Erscheinungen der Neuen Zeit, die die industrielle und landwirtschaftliche Revolution in Wesselburen mit sich gebracht haben und als deren negativste Auswirkung Bartels den Zuzug von "rassisch Minderwertigen" zu betrachten scheint, gibt es eine Gruppe von Menschen, die er weder weil sie ortsfremd, noch weil sie umherziehend sind, kategorisch abwertet: Die ortsansässige unterste Schicht. Sie wohnte v. a. am unteren Ende der Straße "Blankenau". Er widmet ihnen eines seiner Kapitel:
"Schau ich in die tiefste Ferne Meiner Kinderzeit hinab, so steigt doch auch mancherlei aus dem Grabe, was das „Lasciate ogni speranza“ auf der Stirn geschrieben trägt; da tauchen ganze Familien empor, deren Art und Wesen so deutlich von der Unmöglichkeit, aus ihnen nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu entwickeln, sprach, daß mir heute alle soziale Arbeit in dieser Richtung als Utopie erscheint. Und ob man sich noch so eifrig vorzumachen strebt, es sei Schuld der Gesellschaft oder der höheren Stände, daß diese Menschen so geworden: es ist Unsinn, diese Geschlechter waren immer so und werden immer so sein, werden alles, was sich von Reinerem und Besserem etwa zu sich verirrt, immer mit hinab in den Schmutz ziehen. Denn Blut ist ein besonderer Saft, und die Erbschaft des Blutes ist stärker als Erziehung und alles andere, und es ist eine große Torheit, anzunehmen, daß alle Menschen von Natur gleich seien; überall gibt es Tschandala."[13]
Wieder finden wir den Determinismus des Blutes: Diesen Menschen können keine sozialen Besserungsprogramme helfen, sie waren und blieben von Natur aus unnütze Elemente. Bartels unterstreicht dies pathetisch mit den Worten aus Dante's "Göttlicher Komödie": "Laßt alle Hoffnung fahren dahin." Im Verlauf des Kapitels nennt er später das Einzelbeispiel eines Mannes ("Robertschlachters"), der versucht habe sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen, dann aber "weil er sich nicht zu bezwingen vermochte" zum Trinker und sogar zum Mörder seiner Frau geworden sei.[14]
Doch wieder ist es damit nicht genug, daß diese Menschen sich selbst zugrunde richten, sie gefährden auch jeden, der sich mit ihnen einläßt. Bartels dafür das Beispiel eines Jungen aus der Nachbarschaft (Phylax Petersen), zwischen dessen Kontakt zur untersten Schicht im Alter von 12 bis 14 Jahren er eine Verbindung zieht zu dessen frühen Tod, als er von seinem Schwiegervater, mit kaum 30 Jahren in Notwehr erschlagen worden sei.[15]
Bartels nennt nur zwei Familien als hervorstechende Beispiele jenes verdorbenen Milieus namentlich: Eine Fischerfamilie, Rohde, die - was allerdings eine Aufwertung darstellt - "gut Altdithmarscher Herkunft gewesen" sei, und die Wesselburener Schinderfamilie, Dunklau:
"Vielleicht trug noch die alte Einschätzung des Schinder- als eines unehrlichen Berufes dazu bei, daß sie sich keines besonderen Ansehens erfreute. Doch war die eine Linie der von einem Armenvogt stammenden Familie immerhin mehr geachtet als die andere, obschon auch sie einen etwas bedenklichen Angehörigen zählte, der in Amerika lange unter den Indianern gelebt hatte und das Feuerwasser jedenfalls zu schätzen wußte. Zu der zweiten Linie trat unser Nachbarssohn Phylax Petersen in den gefährlichen Jahren von zwölf bis vierzehn in nähere Beziehungen, und es ergab sich, daß er eines Schlittschuhdiebstahls überführt [...] wurde. [...] Nur einen Dunklau kenne ich, der es durch Arbeit bei uns zu etwas gebracht hat, die andern sind meist nach Amerika gegangen."[16]
Die Verurteilung der Familien Rohde und v. a. Dunklau und einiger nicht namentlich bekannter, die am hinteren Ende der Wesselburener Straße Blankenau lebten als unnütz, unverbesserlich und sogar schädlich für jeden der sich auf sie einläßt, reiht sich ein in die der Fremd- und Wanderarbeiter. Als Lösung dieses "Problems" empfiehlt Bartels indirekt offenbar das, was etliche dann freiwillig in den 1860er bis 90er Jahren vorzogen: Die Auswanderung nach Amerika.[17]
Die einfache Arbeiterschaft der Straße "Blankenau" dürfte Bartels' negative Meinung über sie in der Weimarer Zeit noch bestätigt haben, als sie wohl zu den eifrigsten Wählern der KPD gehörte. Als 1932 SA- und SS-Männer versuchten das Haus des Norddeicher Kommunistenführers Friedrich Detlefs im Fischerweg (der "Roten Straße") zu stürmen und diesen zu töten, fand er Unterschlupf in Wesselburen Blankenau.

Der Tod oder die Emigration - auch die Familie Rohde habe Wesselburen verlassen - sind in der Bartels'schen völkischen Blutsideologie die einzigen Alternativen, die sich diesen "Elementen" nur boten. Daß sich dies in den Jahren 1933 bis 1945 in unvorstellbarer Form verwirklichte, darf eigentlich nicht verwundern, wenn man - wie hier gezeigt - die schon in einem eigentlich unpolitischen Werk von 1914 vorhandene Vehemenz des Angriffs bedenkt. Jahrzehnte vor dem Nazi-Regime erhoffte sich der zum höheren Bildungsbürgertum aufgestiegene Adolf Bartels ein "psychologisches und des weiteren pädagogisches Interesse" an seinem Werk, damit "die kommende bessere Zeit [.] wieder auf das Deutschtum gestellt sein wird."[18]

Heinrich Dunklau (1900-1941) wurde ein unmittelbares Opfer des vergifteten Denkens, das den vorsorglichen Mord zum Schutze von Gesellschaft, Volk und Rasse als letzte Konsequenz beförderte.
Pastor Johannes Wendt, der am 10. November 1963, zum 25. Jahrestag der Progromnacht 1938, in der Wesselburener Kirche predigte, drückte es daher drastisch folgendermaßen aus: "Einer, der aber viel mehr Schuld auf sich geladen hat als Eichmann und seine ausführenden Organe, war Adolf Bartels aus Wesselburen."[19]

Kapitel "Die untere Schicht" aus: Adolf Bartels, "Kinderland - Erinnerungen aus Hebbels Heimat", Armanenverlag, Leipzig 1914, S. 248-253.





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[1] Vgl. Steven Nyole Fuller: The Nazis’ Literary Grandfather. Adolf Bartels and Cultural Extremism, 1871–1945. New York u.a. 1996.
[2] Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Darmstadt 2001, S. 53.
[3] Adolf Hitler, der der Partei 1919 beitrat, kam mit ihr erstmals als "V-Mann" der Bayrischen Reichswehr Nachrichtenabteilung "Ib/P" in Kontakt die das politische Spektrum zu überwachen hatte (vgl. Ian Kershaw: Hitler 1889-1945. München 2009, S. 94ff.
[4] Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007, S. 29.
[5] Adolf Bartels: Kinderland - Erinnerungen aus Hebbels Heimat. Berlin 1914, S. 367.
[6] Kinderland, S. 4.
[7] Rüdiger Möller: "Und mancher Slawe machte sich im Kirchspiel sesshaft“. Die Arbeiterschaft der Zuckerfabrik „Charles des Vos“ in Wesselburen, in: Demokratische Geschichte. Jahrbuch für Schleswig-Holstein 13 (2000), S. 59-80; S. 68ff.
[8] Kinderland, S. 376.
[9] ebd.
[10] Kinderland, S. 377.
[11] Kinderland, S. 375f.
[12] Wie in diesem Beitrag mit der Forderung im Kampf gegen die Überbevölkerung Eugenische Maßnahmen und Zwangssterilisierung anzuwenden, URL: http://www.mehr-demokratie-wagen.de/comments.php?op=showreply&tid=433&sid=183&pid=432&mode=&order=0&thold=0
[13] Kinderland, S. 249f.
[14] Kinderland, S. 252f.
[15] Kinderland, S. 251, 253.
[16] Kinderland, S. 251f.
[17] Von etwa einem Dutzend Angehörigen der Familie ist nachweislich bekannt, daß sie zwischen 1866 und 1895 nach Amerika übersiedelten.
[18] Kinderland, S. IX.
[19] DER SPIEGEL: Thing und Theater. 4/1965, S. 44-48; S. 44. URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46169248.html

Dienstag, 26. Juli 2011

Artikel in der Dithmarscher Landeszeitung vom 26. Juli 2011: "Das falsche Erinnern": (Um zum Artikel weitergeleitet zu werden auf das Bild klicken) 

Das Dunklau-Geburtshaus heute: 
Schneebedeckte Überreste des Geburtshauses der Dunklau-Brüder am Norderkirchweg in Norddeich. Blick Richtung Wesselburen (St.-Bartholomäus-Kirche im Dunst), Dezember 2009.

Sonntag, 17. Juli 2011

Gustav Heinrich Dunklau

Gustav Heinrich Dunklau wurde als siebentes von acht Kindern des Arbeiters Friedrich Dunklau und der Wilhelmine Margaretha Christina geb. Kock am 9. April 1900 in Norddeich geboren. Sein Lebenslauf, der sich nur grob aus Unterlagen aus dem Einwohnermeldeamt Wesselburen rekonstruieren läßt, läßt ihn als einen Wanderarbeiter erkennen, von denen es Anfang der 30er-Jahre bis zu 400.000 gab[1]:
Am 13. Mai 1922 meldete er sich aus dem elterlichen Norddeich ab um auf „Wanderschaft“ zu gehen und kehrte am 14. August 1922 zurück. 1924 verließ er Norddeich am 6. Juni und blieb ebenfalls drei Monate bis zum 18. September fort. Schon 11 Tage später jedoch meldete er sich erneut ab, versäumte dann aber offenbar eine Wiederanmeldung, denn es folgt am 2. November 1925 eine weitere Abmeldung zur „Wanderschaft“.
13 Jahre später, am 26. September 1938 kehrte er – von Wangerooge kommend – ins elterliche Haus zurück. Womöglich lebte er längere Zeit auf Wangerooge oder hielt sich immer wieder mal dort auf, da auch das einzige von ihm bekannte Foto dort entstand.[2] Allerdings findet sich in den Wangerooger Meldeunterlagen keine Eintragung zu ihm. Ähnlich ist es in seinem laut Sterbeurkunde letztem Wohnort, Langenhorn, Krs. Husum. Dort arbeitete er bis zu seiner Verhaftung als Bauarbeiter.[3]
Zwar sind die Langenhorner Meldedaten aus jener Zeit nur teilweise überliefert, doch hat er sich wahrscheinlich dort nie angemeldet. Sein Tod wurde auf seiner Wesselburener Meldekarte eingetragen, demnach also an seinem letzten offiziellen Wohnort (Norddeich).
Schilderungen seiner Nichte zeigen ihn als Sonderling, den es immer wieder auf Wanderschaft zog.[4] Ein solches Leben wurde durch die Asozialen-Gesetzgebung im Nationalsozialismus gefährlich(er). Durch einen Erlaß des Preußischen Innenministers vom 13.11.1933 in Verbindung mit dem "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher" vom 24.11.1933, wurde den Ordnungs- und Polizeibehörden ermöglicht, sog. „Asoziale“ zur „Erziehung durch körperliche Arbeit in ein KZ einzuliefern“. Unter den Begriff der Asozialität gerieten immer mehr Gruppen von Menschen, deren Lebensform nicht den normierten nationalsozialistischen Vorstellungen entsprach. Dabei war willkürlichen Entscheidungen zur Verschleppung ins KZ Tür und Tor geöffnet. Nach dem NS-Grunderlass „Vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ vom 14. Dezember 1937, kam es im April und Juni 1938 zu Verhaftungswellen bei denen 10.000 als asozial stigmatisierte Menschen ins Konzentrationslager verbracht wurden, davon allein 6.000 nach Sachsenhausen. Auf die Zeit kurz danach fällt auch seine Rückkehr nach Norddeich. Einer Verhaftung entgangen schien die Nähe des Heimatortes einen Schein von Sicherheit zu geben.
An seiner letzten zeitweiligen Wohn- und Arbeitsstätte in Langenhorn wurden die Behörden schließlich auf ihn aufmerksam. Als sonderbarer Fremder fiel er auf. Ein fehlendes „Wanderbuch“, Verletzungen von Meldepflichten oder bloßer Verdacht führten zu seiner Verhaftung wegen „Landstreicherei“. Am 28. September 1940 wurde er als Gefangener Nummer 33166 im Konzentrationslager Sachsenhausen registriert.[5] Als Folge der harten Arbeit und der beabsichtigten unmenschlichen Lebensbedingungen befand er sich vom 21. Dezember 1940 bis zum 8. Mai 1941 im Krankenbau des Lagers.[6] Im Rahmen der Aktion „Sonderbehandlung 14f13“, mit der arbeitsunfähig gewordene KZ-Insassen („Ballastexistenzen“) „entsorgt“ werden sollten, wurde er als einer von 269 aussortierten Häftlingen am 5. Juni 1941 mit dem Vermerk „Kommando S“ in die Vernichtungsanstalt Pirna-Sonnenstein überstellt.[7] Dort wurde er am selben Tag mit Kohlenmonoxidgas ermordet, sofern er nicht bereits an den - vermutlich zur Lähmung der Gefangenen auf dem LKW-Transport - zuvor gespritzten Medikamenten verstorben war.[8] Als zur Tarnung gefälschtes Todesdatum ist der 20. Juni 1941, als Todesort "im Lager Sachsenhausen" angegeben.[9]
In den Kellern der offiziell als Heilanstalt firmierenden Einrichtung befanden sich bereits jene Gaskammern, mit denen der Völkermord an den Juden später in den Vernichtungslagern industriell betrieben wurde. Die Nationalsozialisten hatten hier auch das Euthanasieprogramm „T4“ v.a. an psychisch Kranken und geistig Behinderten durchgeführt, wobei immer weitere von der Nazi-Ideologie als „minderwertig“ und “schädlich“ eingestufte Gruppen hinzukamen. 
Heinrich Dunklaus Leichnam wurde verbrannt. Seine Urne ist nicht auf dem Wesselburener Friedhof beerdigt[10], sondern wurde - nach einer Auskunft des Archivs der Gedenkstätte Sachsenhausen - ohne Veranlassung durch die Angehörigen auf dem Waldfriedhof Güterfelde südlich von Berlin in einem Massenurnenfeld mit denen von 720 deutschen und 383 polnische Häftling der KZs Sachsenhausen und Wewelsburg vergraben.[11]
Die Ausstellung der Todesurkunde erfolgte aus Tarngründen im für das KZ Sachsenhausen formell zuständigen Standesamt Oranienburg, wobei als Todesort das „Lager Sachsenhausen“ angegeben wurde.
Zwei Wochen nach seiner Ermordung begann mit dem „Fall Barbarossa“ der Vernichtungskrieg gegen die osteuropäischen Völker und Juden jenseits von Memel, Bug und Pruth.

[2] Abgebildete Fotographie aus der Sammlung seines Neffen Johannes Dunklau (1923-2008), Photo-Spezialhaus Gebrüder Ungermann, Nordseebad Wangerooge.
[3] Sterbefälle StA. Oranienburg, Nr. 957/1941.
[4] Emmi Gedrat, geb. Dunklau (*1924). Wenig bereit über ihn zu sprechen, bezeichnete sie ihn als „nicht gesund“, bzw. „nicht richtig“. Vermutlich wirkte ihr Onkel, den sie erst in den späten 30er Jahren kennengelernt haben muß, und der bis dahin sein Leben als wandernder Einzelgänger verbracht hatte stark verunsichernd auf die Jugendliche. Vielleicht läßt sich auch eine Erkrankung an einer schizoide Persönlichkeitsstörung mit unklarer Abgrenzung zu einer Anpassungsstörung vermuten, die Introvertiertheit, Einzelgängerdasein und denn Drang nach Ungebundenheit mit sich bringen kann. Die beiden letzten Kinder Friedrich Dunklaus dürften, da beim Tod des Vaters nach langer Krankheit 1903 noch klein, am stärksten unter der Belastung der Mutter mit 8 Kinder im ländlichen Arbeitermilieu gelitten haben. Seine jüngste Tochter beging 1927 Selbstmord.
[5] Sonderliste KZ Sachsenhausen, Signatur im Archiv Sachsenhausen: D 1 A/1196, Bl. 390.
[6] Veränderungsmeldung des Krankenbaus, Signatur im Archiv Sachsenhausen: D 1 A/1054, Bl. 116.
[7] Transportliste, Signatur im Archiv Sachsenhausen: JSU 1/83, Bl. 008. Mit dem selben Transport wurde auch der wegen Homosexualität inhaftierte Magdeburger Architekt Benno Meyer (1878-1941) deportiert. Siehe dazu: http://www.magdeburg.de/media/custom/698_9211_1.PDF?1270558205
[8] Entsprechende Berichte gibt es von den KZ Überlebenden Rudi Wunderlich (Hohmann, Joachim; Wieland, Günther (Hrsg.): "Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg 1939 bis 1945. Die Aufzeichnungen des KZ-Häftlings Rudolf Wunderlich", Frankfurt a. M. (1997), S. 27-28. 
[9] Sterbeurkunde. Schreiben der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen vom 13.04.2010.
[10] Email der Friedhofsverwaltung Wesselburen vom 18.04.2011.
[11]  Schreiben der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen vom 06.12.2012. In einer früheren Version dieses Artikels wurde mangels anderslautender Angaben noch angenommen, daß seine Asche in einem Massengrab am Elbhang hinter Schloß Sonnenstein verschüttet wurde: http://de.wikipedia.org/wiki/NS-T%C3%B6tungsanstalt_Pirna_Sonnenstein

Montag, 13. Juni 2011

August Gustav Dunklau


Die vergessene Kriegsdienstverweigerung des Norddeicher Landarbeiters August Dunklau (1895-1944)

In Norddeich steht, wie in nahezu allen Gemeinden, ein Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege. Nach dem Krieg von 1914/18 errichtete man 1921 zunächst einen Findling mit Namen an zentraler Stelle im Ort. Im Februar 1963 beriet der Gemeinderat über eine Neugestaltung und beschloß, daß 3 Grabplatten gesetzt werden, so daß die Opfer des letzten Weltkrieges auch miterfaßt werden.“[1] Die „dankbare Verehrung eurer Gemeinde Norddeich[2] galt nun zwei Generationen von Norddeicher Männern, die in den letzten Kriegen ums Leben gekommen waren.

Für die Zusammenstellung der Namen auf den Tafeln ging man offensichtlich u.a. im Standesamt Wesselburen systematisch die Beurkundungen der Sterbefälle durch. So gelangte auch ein Wehrpflichtiger namens August Gustav Dunklau auf die linke Tafel, der am 31. März 1944 um 3 Uhr nachts in Neumünster an unbekannter Ursache verstorben war. So die Beurkundung durch das Standesamt Wesselburen.[3] Doch wer erinnert sich noch an August Dunklau? Und wie und warum starb er in Neumünster?

Bis zur Auffindung und Identifizierung eines Portraitfotos[4] vermittelte nur eine Beschreibung in einer Fahndungsanzeige von 1921 ein Bild von ihm:

1.90m groß, schlank und kräftig, dunkelblond, graue Augen, kleiner grauer Schnurrbart.[5]

August Dunklau, geboren am 30. Januar 1895, wuchs als fünftes von acht Kindern[6] des Arbeiters Friedrich Dunklau (1852-1903) in einfachen Verhältnissen auf. Nach Beendigung der Schulpflicht 1910 verbrachte er fast sein ganzes Leben als ungelernter Landarbeiter in Norddeich.[7]

Während des 1. Weltkriegs war er Soldat in der Marine. Seinen Nichten erzählte er später von seiner Teilnahme an der Seeschlacht beim Skagerrak im Jahr 1916. Der Anblick der von unzähligen Granateinschlägen auf Deck zerfetzten Körper seiner Kameraden hinterließ bei ihm ein Trauma, das ihm nach dem Krieg ein normales Leben zunächst unmöglich machte. Wegen kleinerer Straftaten wurde er verurteilt, bis er schließlich durch das Amtsgericht Wesselburen zeitweilig für unzurechnungsfähig (geschäftsunfähig) erklärt und unter Vormundschaft gestellt wurde.[8]

Während des 2. Weltkriegs, noch vor der verzweifelten Massenrekrutierung von Jugendlichen und alten Männern ab September 1944, dem sog. Volkssturm, sollte der inzwischen 49-jährige im März des Jahres zur Wehrmacht eingezogen werden.[9]

Läßt sich seine militärische und persönliche Biographie auch sonst durch den Verlust von Akten nur schwer rekonstruieren[10], so existiert zumindest noch im Bundesarchiv, in der Abteilung Militärarchiv in Freiburg, eine Untersuchungsakte des Gerichts der 190. Division in Neumünster, die ein Schlaglicht auf die Ereignisse im März 1944 wirft.

Das schmale, 20 Seiten umfassende Heft beginnt mit folgender Meldung aus dem Straf- und Jugendgefängnis Neumünster vom 31. März 1944:

Der Hauptwachmeister Hille – Nachtdienst Zentrale – zeigt an, dass der Hilfsaufseher Klobke den Untersuchungshäftling Dunklau, August, Zelle 276, als er ihm heute morgen gegen 6.15 Uhr die Oberkleider hineingeben wollte, tot auf dem Bett liegend, vorgefunden habe.[11]

Der in das Gefängnis herbeigeholte Arzt Dr. Adolf Lübbert führte um 7 Uhr morgens eine erste Untersuchung der Leiche durch und stellte fest, „dass der Tod vor ca. 4 Stunden eingetreten war.[12]

Für den Folgetag wurde eine Obduktion angeordnet, die durch den renommierten Kieler Universitätsprofessor und Rechtsmediziner Wilhelm Hallermann durchgeführt wurde. Prof. Hallermann und der ihm assistierende Laborant kamen am 1. April 1944, einem Samstag, mit einem von der Gerichtskasse bezahlten Leihwagen nach Neumünster. Das gewissenhafte handschriftliche Obduktionsprotokoll schließt mit dem vorläufigem Gutachten Hallermanns:

Als Todesursache fand sich eine eitrige Bauchfellentzündung ausgehend von einer Darmverschließung infolge Verwachsung des Querdarms unter dem Magen im Bereich eines hier bestehenden, älteren Magenkrebses.[13]

Nach der Feststellung einer natürlichen Todesursache wurden alle weitere Ermittlungen eingestellt. Die für die Wehrmachtauskunftsstelle in Berlin verfaßte Todesmeldung nennt als Todesursache „Bauchfellentzündung“. Als Dunklaus Dienstgrad wird stets „Wehrpflichtiger“ und als Truppenteil das „Wehrbezirkskommando Hamburg I“ angegeben.[14]

Letztes Stück der Akte ist eine Abschrift einer Erstattungsforderung des Gefängnisses Neumünster vom 15. Mai 1944 gegenüber dem Wehrmachtsgericht. Darin wird eine Forderung von 22,50 Reichsmark erhoben:

Der August Dunklau, geb. 30.1.95 in Norddeich/Wesselburen, hat auf dortiges Ersuchen (gemeint ist das Gericht der 190. Division (Anm. d. Verf.)) in dem hiesigen Strafgefängnis in der Zeit vom 16.3.1944 bis 31.3.1944 insgesamt 15 Tage als Untersuchungshäftling eingesessen.[15]

Die Akte enthält keine Bemerkung dazu, weshalb August Dunklau in Untersuchungshaft saß. Weitere Akten oder Eintragungen finden sich in den im Bundesarchiv-Militärarchiv vorliegenden Beständen nicht und sind wohl auch nicht zu erwarten.

Der Kreis der Möglichkeiten ist durch die übrige Faktenlage so sehr eingeschränkt, daß sich auch ohne direkten Beleg die Aussage machen läßt, daß gegen August Dunklau wegen Kriegsdienstverweigerung[16] ermittelt wurde.

August Dunklau war als „Untersuchungshäftling“ im Strafgefängnis Neumünster arretiert, wo er aber als „Wehrmachtsgefangener“ der Wehrgerichtsbarkeit unterstand, der er ab dem Tag seiner Einberufung unterlag.[17] Die Angabe des Dienstgrads mit „Wehrpflichtiger“ und des Truppenteils mit „WBK Hamburg I“ läßt erkennen, daß die Tat noch vor seiner Dienststellung geschehen sein muß. Hierfür kommen die Tatbestände der Paragraphen 64 und 69 des Militärstrafgesetzbuches (MStGB) in Frage:

§ 64: „Wer unbefugt seine Truppe oder Dienststelle verläßt oder ihr fernbleibt und vorsätzlich oder fahrlässig länger als einen Tag [...] abwesend ist, wird mit Gefängis oder Festungshaft bis zu zehn Jahren bestraft.[18]

§ 69: „Wer in der Absicht, sich der Verpflichtung zum Dienste in der Wehrmacht dauernd zu entziehen oder die Auflösung des Dienstverhältnisses zu erreichen, seine Truppe oder Dienststelle verläßt oder ihr fernbleibt, wird wegen Fahnenflucht bestraft.“[19]

Die Unterscheidung der Tatbestände besteht in der Absicht des Täters sich dauernd zu entziehen.[20] Daß Dunklau die Absicht hatte, sich nicht nur vorübergehend, sondern dauernd der Kriegsdienstpflicht zu entziehen, die ab 1944 immer mehr ältere und u.k.-Gestellte traf, dürfte feststehen. Jedoch bestand die Aussicht auf dem flachen Land längere Zeit unentdeckt zu bleiben nicht.[21] Daß er offenbar nicht weit floh oder sich versteckte, sondern in Norddeich durch die Feldgendarmerie verhaftet wurde, davon spricht auch eine Familienüberlieferung.[22]

In seiner Biographie, dem familiären und sozialen Umfeld in dem er aufwuchs und in den Ereignissen in der Zeit des Nationalsozialimus finden sich eine ganze Reihe möglicher persönlicher und politischer Motive:

1. August Dunklau hatte bereits einen Weltkrieg durchlebt und erheblich an den psychischen Folgen der Schlachterlebnisse gelitten.

2. Er war an Magenkrebs in einem fortgeschrittenem Stadium erkrankt, an dem in den Jahren 1941 und 1943 zwei Geschwister früh verstorben waren.[23]

3. Die Verbrechen des Nationalsozialismus waren ihm bewußt, da sein 1900 geborener Bruder Heinrich im Juni 1941 in der Vernichtungsanstalt Pirna-Sonnenstein mit Gas ermordet worden war. Die Todesurkunde gibt verschleiernd – nach damaliger Auffassung offenbar noch verharmlosend – das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg als Todesort an, wo dieser als Häftling Nr. 33166 seit September 1940 inhaftiert war.[24]

4. Der sich den Grenzen der Heimat nähernde Krieg hatte die Familie des Unverheirateten und Kinderlosen längst erreicht: Der älteste Neffe war im Oktober 1941 in Rußland gefallen, praktisch alle männlichen Angehörigen standen bereits im Feld. Im September 1943 kam seine Nichte Else zusammen mit ihren Kindern als Flüchtling der vorausgegangenen Bombardierung Hamburgs nach Norddeich.[25]

5. Als einfacher Landarbeiter stand er der politischen Linken nahe. Der dem Haus der Dunklaus benachbarte und überwiegend von einfachen Arbeitern bewohnte Fischerweg war als „die rote Straße“ bekannt. Am 9. April 1932 kam es dort zu einer Schießerei mit 4 Verletzten, als SA- und SS-Angehörige eine geplante Wahlkampfveranstaltung der KPD sprengten.[26]

August Dunklau wußte zu genau aus seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, was man sich unter einer „Schlacht“ vorzustellen hatte. Ihm müssen dort, wo die Welt wie „mit Brettern vernagelt“ scheint, die Verbrechen die der Nationalsozialismus auch an seiner Familie beging deutlich bewußt gewesen sein. Dagegen ist es gut denkbar, daß ihm die Erkrankung an Magenkrebs und die Möglichkeit seines baldigen Todes nicht vor Augen gestanden hat[27], wodurch sie als mögliches hinreichendes Motiv wegfiele. Stark dürfte auch der absehbare negative Kriegsausgang und das Bestreben sich nicht noch verheizen zu lassen eine Rolle gespielt haben.[28] Als im Frühjahr 1944 der schriftliche Einberufungsbefehl ergangen sein wird, stand jedenfalls für ihn fest, daß er diesem nicht Folge leisten würde.

Wäre sein Name nicht auf dem Norddeicher Ehrenmal eingraviert, ich hätte mich wohl nicht so intensiv darum bemüht, mehr über August Dunklau herauszufinden.

Der Name des österreichischen Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter, der als gläubiger Katholik aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerte und dafür 1943 hingerichtet worden war, wurde nach dem Krieg erst nach heftigen Kontroversen auf dem Kriegerdenkmal für die Toten des 2. Weltkrieges in seinem Heimatort St. Radegund eingetragen.[29] Es war dies zur damaligen Zeit offensichtlich die einzige Möglichkeit ihn zu ehren oder ihn wenigstens nicht als ehrlos stehen zu lassen.

Hätte man August Dunklau als „Gefallenen“ der Gemeinde Norddeich auf dem Ehrenmal aufgelistet, wenn er als Kriegsdienstverweigerer oder bei etwaiger Verurteilung als Fahnenflüchtiger oder „Wehrkraftzersetzer“ bekannt gewesen wäre? Vermutlich nicht. Ist ein falsches Erinnern daher manchmal sogar besser als ein völliges Vergessen?

August Dunklau ist – und daran besteht abschließend kein Zweifel – nicht von den Nationalsozialisten ermordet worden. Auch ist es nie zu einer Anklage oder zu einem Urteil gegen ihn gekommen.[30] Allerdings wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn lediglich eingestellt, da er kurze Zeit später in Untersuchungshaft verstarb.

Geringgeschätzt werden darf sein Handeln aber deshalb keinesfalls. Der NS-Staat ließ keinen Zweifel an der Härte mit der Verweigerung – aus welchen Motiven auch immer – bestraft werden würde. Hitler hatte bereits in „Mein Kampf“ verlangt, daß jeder Soldat wissen müsse, daß er an der Front sterben könne, als Deserteur aber sterben müsse.[31] In der Praxis ermöglichten zahlreiche während des Krieges mehrfach verschärfte Regelungen[32], daß NS-Militärrichter ohne weitere Fallunterscheidungen reihenweise Todesurteile aussprachen, wobei „eventuell noch vorhandene Reste eines rechtsstaatlichen Prinzips aus dem Wehrmachtsstrafrecht (eliminiert waren)“.[33] Nach Hochrechnungen fällte die NS-Militärjustiz 30.000 Todesurteile wegen Desertion, von denen 23.000 vollstreckt wurden.[34]

Jahrzehntelang hat man sich schwer getan, die Verweigerung oder Desertion vieler einfacher Soldaten statt als ehrlose Tat, ebenso als eine Form von Widerstand anzusehen, wie den gescheiterten Putsch der Offiziere vom 20. Juli 1944. Widerstand gegen eine verbrecherische Diktatur war es, gegen ihre millionenfachen Morde und gegen die ihnen dienenden Angriffs- und Vernichtungskriege, die von der NS-Propaganda stets als gerechtfertigte Verteidigungsakte dargestellt wurden. Auch der schließliche Kampf auf dem heimatlichen Boden, von dem der Krieg ausgegangen war, war daher im Großen kein Ehre bringender Opfergang.

Die Gemeinde Norddeich steht meiner Meinung nach heute in der Verantwortung nach Überprüfung der vorgelegten Unterlagen und der historischen Stichhaltigkeit der Beweisführung erneut zu entscheiden.

August Dunklau als „Gefallenem“ die „dankbare Verehrung“ zukommen zu lassen, mit der noch die vorletzte Generation den toten Soldaten des 2. Weltkriegs in gleicher Weise wie denen des Ersten gedenken wollte; Ohne kritische Nuancierung, welchem Zweck eigentlich dieser Krieg diente und wie man noch Opfer werden konnte – das geht meiner Meinung nach nicht.

Der bei der Zusammenstellung der Namen der „Opfer“ unbeabsichtigt gemachte Fehler, kann meiner Meinung nach nicht durch eine Tilgung des Namens[35], sondern muß durch eine zeitgemäße, aufgeklärte und reflektierte neue Erinnerungskultur überwunden werden, die den Weg für ein Gedenken an weitere Opfergruppen frei macht. Es ist daher mein Vorschlag eine bauliche Ergänzung des Ehrenmals in Form der Setzung eines „Stolpersteins“ für August Dunklau vorzunehmen. Das Protokollbuch spricht 1921 über die Gefallenen des 1. Weltkriegs noch von „Kriegern“. 1963 sprach man von „Opfern des letzten Weltkrieges“ und meinte doch nur die Gruppe der Soldaten. Unter einer erneuerten Sichtweise sollte auch für den in Norddeich geborenen Bruder und KZ-Häftling Heinrich Dunklau, der 1941 Opfer des NS-Euthanasieprogramms wurde, eine Verlegung bedacht werden.[36]

Die Chance in Norddeich zum Vorreiter für andere ländliche Gemeinden zu werden, die in Dithmarschen ein schweres historisches Erbe am Nationalsozialismus tragen, sollte nicht ungenutzt bleiben.[37]



[1] Protokollbuch der Gemeinde Norddeich, Gemeindevertretersitzung vom19.02.1963.

[2] Widmungspruch auf der mittleren, den Gefallenen 1914-1918 gewidmeten Tafel.

[3] Sterbefälle StA. Wesselburen, Nr. 151/1946.

[4] Quellen und Unterlagen zur Norddeicher Dorfchronik, Reimer Block, Norddeich. Seine heute in Pforzheim lebende Nichte Emmi Gedrat, geb. Dunklau, (*1924), identifizierte August Dunklau auf der umseitig nur mit der Beschriftung „Dunklau“ versehenen Fotographie, die vermutlich für die Erstellung eines Ehrenbuchs für die Weltkriegsteilnehmer 1914/18 angefertigt worden war.

[5] „Öffentlicher Anzeiger für den Regierungsbezirk Schleswig“, Jahrgang 1921, S. 19.

[6] Geburten StA. Wesselburen-Land, Nr. 24/1895.

[7] Schreiben des Amts Büsum-Wesselburen vom 28.02.2011.

[8] Telefonat des Autors mit Emmi Gedrat, geb. Dunklau vom 07.01.2011. Ein Hinweis auf die erklärte Geschäftsunfähigkeit findet sich auch in dem in der Fahndungsanzeige von 1921 erwähntem Aktenzeichen F.+1/20 des Wesselburener Amtsgerichts. Wie es mit der vom Reichsjustizministerium am 28.11.1934 verkündeten Aktenordnung für die deutschen Justizbehörden auch später allgemein verbindlich festgelegt wurde, weist der Buchstabe F vermutlich auf die Abteilung Familiensachen hin, worunter auch vormundschaftliche Angelegenheiten bei Fällen von Geschäftsunfähigkeit fallen.

[9] Schreiben des Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg vom 09.11.2010.

[10] Ein erhebliches Problem dabei stellt der massenweise Verlust von Akten im Jahre 1945 dar. So zerstörte nicht nur die Bombardierung des Heeresarchives in Potsdam nahezu die gesamte Überlieferung der preußischen Armee u.a. für die Zeit des 1. Weltkrieges, auch „die Überlieferung des Wehrkreiskommandos X und der zugeteilten bzw. unterstellten Dienststellen muss im Prinzip als verlorengegangen oder befehlsgemäß vernichtet angesehen werden.“ (Einleitung zum Bestand RH 53-10, des Bundesarchivs-Militärarchivs Freiburg.). Die Gefangenenunterlagen aus der Justizvollzugsanstalt Neumünster aus der Zeit bis 1945 gelten ebenfalls als verlorengegangen (vermutlich vernichtet).

[11] BArch, PERS 15 / Gericht der 190. Division, Akte Nr. 747.

[12] Akte Bundesarchiv. Ferner heißt es dort: „Strangulationszeichen waren nicht vorhanden.

[13] Akte Bundesarchiv.

[14] Akte Bundesarchiv.

[15] Akte Bundesarchiv.

[16] Es handelt sich dabei nicht um einen Rechtsbegriff. Zu den Tatbeständen siehe im folgenden.

[17] Gemäß § 9 und § 10 des Militärstrafgesetzbuch für das Deutsche Reich.

[18] Gemäß § 6 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung (KSSVO) vom 17.08.1938. Vgl. Fassung des MStGB gemäß Verordnung vom 10.10.1940, RGBl. I S. 1347.

[19] Fassung gemäß Verordnung vom 10.10.1940, RGBl. I S. 1347. Gemäß § 6 KSSVO ist Fahnenflucht nach § 70 folgendermaßen zu bestrafen: „Bei Fahnenflucht ist auf Todesstrafe oder auf lebenslanges oder zeitiges Zuchthaus zu erkennen.

[20] Vgl. Geldmacher, Thomas: „„Auf Nimmerwiedersehen!“ Fahnenflucht, unerlaubte Entfernung und das Problem, die Tatbestände auseinander zu halten“ In: Walter Manoschek: „Opfer der NS-Militärjustiz.“ Wien 2003, S. 135f.

[21] Ziemann, Benjamin: „Fluchten aus dem Konsens zum Durchhalten. Ergebnisse, Probleme und Perspektiven der Erforschung soldatischer Verweigerungsformen in der Wehrmacht 1939-1945.“ In: Rolf-Dieter Müller: „Die Wehrmacht: Mythos und Realität.“ München 199, S. 597f.

[22] In einer mündlichen Überlieferung seiner Nichte Else Görgner, geb. Dunklau (1918-2001) gegenüber ihren Kindern einige Jahre nach dem Krieg heißt es, ihr Onkel habe Schmähbriefe an Hitler geschrieben, die aber von seiner Schwester stets abgefangen und vernichtet wurden. Eine Wahrsagerin habe ihm dies mitgeteilt und ihn dazu veranlaßt die Briefe selbst bei der Post aufzugeben. Daraufhin sei er verhaftet und wenig später ermordet worden. Ohne die jetzt recherchierten Hintergründe blieb diese Erzählung mißverstanden. Verhaftung und Tod des Onkels dürften den wahren Kern bilden. Den Grund für seine Verhaftung und noch viel weniger die genauen Umstände seines Todes kannte Else Görgner, die soweit bekannt 1944 nicht mehr in Norddeich lebte, offenbar nicht, versuchte sie aber zu erklären. So leitete sie aus der antinationalsozialistische Haltung ihres Onkels (und der Familie insgesamt) ein politisches Motiv ab, da sie auch von seiner Ermordung ausging, weil bereits 1941 ein Mitglied der Familie im Konzentrationslager ermordet worden war (s.u.). Legendär dagegen sind die Schmähbriefe, für die er nicht in Wehrmachtsgewahrsam gekommen wäre. Zudem lebten nach dem Tod seiner Schwester Emma Dunklau im Juli 1943, die mit ihm im ehemaligen elterlichen Haushalt in Norddeich wohnte, nur noch zwei verbliebene Schwestern in Wesselburen und Berlin. Das Vorkommen einer Wahrsagerin ist klar der Faszination seiner Nichte an Wahrsagerei und Kartenlegen zuzuschreiben.

[23] Fritz Heinrich Dunklau mit 52 Jahren (Sterbefälle StA. Wesselburen, Nr. 20/1941, eingetragene Todesursache: Magenkrebs), Emma Wilhelmine Dunklau mit 45 Jahren (Sterbefälle StA. Wesselburen, Nr. 47/1943; eingetragene Todesursache: Herzwassersucht).

[24] Sterbefälle StA. Oranienburg, Nr. 957/1941. Schreiben der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen vom 13.04.2010.

[25] Fritz Jacob Dunklau, geb. am 05.07.1915 in Hillgroven, gef. am 4. Oktober 1941 in Rußland. Am 21.12.1944 starb August Dunklaus Halbbruder Peter Lemster in Lettland im Lazarett (geb. 01.12.1907 in Norddeich). Er ist auf der rechten Tafel des Ehrenmals eingetragen.

[26] Quellen und Unterlagen zur Norddeicher Dorfchronik, Reimer Block, Norddeich.

[27] Wäre der Magenkrebs von einem zivilem Arzt bereits diagnostiziert worden, hätte auch eine Herabsetzung seiner Tauglichkeit sehr wahrscheinlich mit der Folge der Freistellung von der Dienstpflicht stattgefunden. Magenkrebs ist allerdings oftmals bis zu einem relativ fortgeschrittenem Stadium mit nur relativ schwachen Symptomen besetzt. August Dunklaus allgemeiner Gesundheitszustand schien bis zum Schluß unauffällig. Der Obduktionsbericht spricht noch von „mittelkräftigem Körperbau in mässigem Ernährungszustand“.

[28] Ziemann, „Fluchten“, S. 597.

[29] Biographischer Eintrag von Franz Jägerstätter (1907-1943) im „Ökumenischen Heiligenlexikon“ unter: http://www.heiligenlexikon.de/BiographienF/Franz_Jaegerstaetter.html (aufgerufen am 02.04.2011).

[30] Die Urteile der nationalsozialistischen Justiz gegen Kriegsdienstverweigerer und Deserteure wurden mit dem „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile“ von 1998/2002 aufgehoben (NS-AufhG vom 25.08.1998 (BGBl. I S. 2501), Ergänzung vom 23.07.2002 (BGBl. I S. 2714).

[31] Hitler, Adolf: „Mein Kampf“, S. 586-588.

[32] So etwa die 1. Ergänzungsverordnung zur KSSVO vom 01.11.1939. § 5a erlaubte die „Überschreitung des regelmäßigen Strafrahmens“ bei Verstößen „gegen die Manneszucht oder die Gebote des soldatischen Mutes“.

[33] Walter, Thomas: „Schnelle Justiz – gute Justiz?“ In: Manoschek, Walter: „Opfer der NS-Militärjustiz.“ Wien, 2003. S. 28.

[34] Walter, Thomas: „Schnelle Justiz – gute Justiz?“ In: Manoschek, Walter: „Opfer der NS-Militärjustiz.“ Wien, 2003. S. 27f.

[35] Dies ist schon ästhetisch und technisch ausgeschlossen.

[36] Das Geburtshaus und letztes Wohnhaus von August Dunklau stand am Norderkirchweg und existiert heute nicht mehr. Außerdem handelt es sich um einen Feldweg ohne Bürgersteigpflaster. Eine dortige Verlegung widerspräche dem Ziel der „Aktion Stolpersteine“ und wäre auch technisch nicht durchführbar. Zwar wird gewöhnlich vor der letzten Wohnadresse verlegt (Heinrich Dunklau lebte zuletzt in Langenhorn bei Husum) eine Verlegung der Gedenksteine zusammen am selben Ort entspräche aber auch dem erklärten Ziel der Familienzusammenführung.

[37] Tellingstedt hat erst kürzlich, über 60 Jahre nach Kriegsende damit begonnen, alle Namen seiner Gefallenen zusammenzustellen (Dithmarscher Landeszeitung vom 11.10.2008). Die NSDAP erreichte bei der letzten Wahl, bei der noch andere Parteien zugelassen waren am 5. März 1933 im Kirchspiel Tellingstedt bei einer Wahlbeteiligung von 93% einen Anteil von 84,9%. Die mit ihr verbündete Deutschnationale Volkspartei (DNVP) kam dazu noch auf 8,2%. Wenigstens Forderungen sich des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus anzunehmen gibt es zum Glück auch dort (DLZ vom 14.11.2009).